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Forschung & Technik · Nest-Ortung

Wie findet man ein Nest der Asiatischen Hornisse?

Zehn wissenschaftliche Arbeiten, ausgewertet und übersetzt: Was funktioniert nachweislich, was nicht — und welche Zahlen dahinterstehen. Für Imkerinnen und Imker, die wissen wollen, was die Technik heute wirklich kann.

Auf dieser Seite
  1. Die Frequenzfrage
  2. Das Schweben verrät sie
  3. Richtmikrofon — die ehrliche Antwort
  4. Funksender am Tier
  5. Harmonisches Radar
  6. Wärmebild
  7. Wie weit fliegt sie?
  8. Erkennung am Bienenstand
  9. Was bleibt
  10. Quellen

Wie diese Seite zu lesen ist: Jede Zahl stammt aus einer veröffentlichten Arbeit. Die eckigen Klammern hinter einer Aussage führen zur Originalveröffentlichung. Wir geben keine imkerlichen Empfehlungen — wir berichten, was gemessen wurde.

1. Die Frequenzfrage — auf welcher Frequenz „sendet" eine Hornisse?

Ein Insekt im Flug erzeugt einen Ton, weil seine Flügel die Luft in Schwingung versetzen. Wie hoch dieser Ton ist, hängt davon ab, wie oft die Flügel pro Sekunde schlagen. Diese Zahl heißt Grundfrequenz und wird in Hertz angegeben: 100 Hertz bedeutet hundert Flügelschläge in der Sekunde.

Die Regel dahinter ist einfach: je größer das Tier, desto langsamer der Flügelschlag [1]. Eine Biene surrt hell, eine Hornisse brummt tief.

Gemessene Flügelschlag-Grundfrequenzen [1]
ArtGrundfrequenzKlangeindruck
Honigbiene Apis mellifera231,5 Hzhell surrend
Erdhummel Bombus terrestris170 Hzvoller Ton
Deutsche Wespe Vespula germanica148 Hztiefer
Orientalische Hornisse V. orientalis125 Hzbrummend
Europäische Hornisse V. crabro100 Hztiefes Brummen
Asiatische Hornisse V. velutinaim selben tiefen Bereichvom Ohr nicht zu trennen

Die Arbeit von 2022 [1] war die erste überhaupt, die Flügelschlagfrequenzen der Asiatischen Hornisse gemessen hat — 30 Tiere, 117 Flugaufnahmen. Und sie liefert gleich die unbequeme Nachricht mit:

Die Asiatische und die heimische Europäische Hornisse liegen im selben Frequenzbereich. Über den Ton allein sind sie nicht zu unterscheiden.

Warum ein „Hornissen-Detektor" mit einer festen Frequenz nicht funktioniert

Die Forschenden haben durchgerechnet, wie gut die Erkennung wird, je nachdem wie viel man vom Klang auswertet. Das Ergebnis ist der wichtigste Befund für jeden, der über ein technisches Erkennungsgerät nachdenkt:

Trefferquote für die Asiatische Hornisse, je nach Auswertung [1]
Was ausgewertet wirdTrefferquote
nur die Grundfrequenz („ist da etwas bei 100 Hz?")41,7 %
nur die Lautstärke des Grundtons43,4 %
Grundfrequenz und Lautstärke zusammen58,4 %
Grundfrequenz und mehrere Obertonwerte67,5 %
das gesamte Klangbild (14 Kennwerte)74,5 %

Übersetzt: Ein Gerät, das nur auf eine Frequenz horcht, liegt in mehr als der Hälfte der Fälle falsch — es ist kaum besser als eine Münze. Erst wenn man den ganzen Klang auswertet, also auch die Obertöne und die leisen Stellen dazwischen, kommt man auf brauchbare Werte. Selbst dann wurde die Asiatische Hornisse am häufigsten mit der Feldwespe und der heimischen Hornisse verwechselt [1].

2. Der Durchbruch 2025 — nicht der Ton, das Schweben verrät sie

Eine Arbeitsgruppe hat 2025 einen anderen Weg genommen [2]: Sie hat nicht den normalen Flug aufgenommen, sondern das Rüttelschweben vor dem Flugloch — jenes typische Verhalten, mit dem die Asiatische Hornisse vor dem Bienenstand in der Luft steht und auf heimkehrende Bienen lauert.

Der Aufbau

Ein Mikrofon bleibt dauerhaft am Bienenstand. Eine Kamera lief zur Kontrolle mit, damit man weiß, was zum jeweiligen Geräusch zu sehen war.

Das Ergebnis

98,7 Prozent Trefferquote beim Unterscheiden von Hornissenschweben, Bienenflug und allgemeinem Umgebungslärm.

Warum es klappt

Beim Schweben entsteht ein regelmäßig wiederkehrendes Muster im Klang. Dieses Muster erzeugt eine Biene im Vorbeiflug nicht.

Was noch offen ist

Geprüft wurde knapp eine Stunde Aufnahme. Den Dauerbetrieb über Wochen nennen die Autoren selbst als nächsten notwendigen Schritt.

Nicht die Tonhöhe unterscheidet die Arten zuverlässig, sondern das Verhalten: das Rütteln vor dem Flugloch.

3. Richtmikrofon zur Nestsuche — die ehrliche Antwort

Immer wieder wird vorgeschlagen, ein Nest mit einem Richtmikrofon aufzuspüren — man höre einfach, aus welcher Richtung das Brummen kommt. Die Recherche über die Fachdatenbanken ergibt dazu einen klaren Befund:

Es gibt keine wissenschaftliche Arbeit, die ein Velutina-Nest per Richtmikrofon geortet hat. Alle Akustik-Arbeiten beantworten die Frage „ist eine Hornisse hier?" — nicht die Frage „wo ist das Nest?".

Dahinter steckt Physik, kein Forschungsmangel. Ein Fluggeräusch von rund 100 Hertz ist ein tiefer Ton, und tiefe Töne haben lange Wellen: Bei 100 Hertz ist eine Welle etwa 3,4 Meter lang. Um Schall zu bündeln — also überhaupt eine Richtung feststellen zu können — braucht ein Sammler eine Größe in der Größenordnung dieser Welle. Für tiefe Töne wäre das ein Spiegel von Metern, nicht von Zentimetern. Genau deshalb arbeiten alle Verfahren, die tatsächlich Nester gefunden haben, mit Funk oder Radar statt mit Schall.

Kurz gesagt: Zum Erkennen am Bienenstand ist Akustik hervorragend belegt. Zum Aufspüren eines Nestes über Entfernung gibt es keinen einzigen Beleg.

4. Funksender am Tier — das erste Verfahren, das Nester fand

2018 gelang der Durchbruch [3]: Hornissen wurden am Bienenstand gefangen, bekamen einen winzigen Funksender aufgeklebt und wurden wieder freigelassen. Dem Signal folgte das Team dann zu Fuß.

Radiotelemetrie an Vespa velutina [3]
Gewicht des Senders0,28 Gramm
Belastungsgrenzehöchstens 80 % des Körpergewichts
gefundene Nester5 zuvor unbekannte
größte Entfernung1,33 km

Die Belastungsgrenze ist die eigentliche technische Leistung: Wiegt der Sender mehr als vier Fünftel dessen, was das Tier selbst wiegt, fliegt es nicht mehr normal — und führt niemanden mehr nach Hause.

5. Harmonisches Radar — Verfolgen ohne Batterie am Tier

Beim harmonischen Radar trägt das Tier keinen aktiven Sender, sondern einen winzigen passiven Reflektor. Trifft das Radarsignal darauf, wirft dieser es in doppelter Frequenz zurück. Dadurch hebt sich das Tier eindeutig von allen anderen Echos ab — von Blättern, Zäunen, Vögeln.

Zwei Radargenerationen im Vergleich
Erstentwurf 2016 [6]Weiterentwicklung 2019 [4]
Reichweite125 m500 m
Geländeflach, offenauch hügelig und bewaldet
Sichtfeld nach obeneingeschränkt24°

Der Praxistest — was das Radar im Feld leistet [5]

Nester gefunden in neuen Befallsgebieten75 %
Nester gefunden in dicht besiedelten Gebieten60 %
mittlere verfolgte Flugstrecke96 ± 62 m (max. ~300 m)
mittlerer Sammelradius vom Nest395 ± 208 m (max. 786 m)
Fluggeschwindigkeit beim Suchflug6,66 m/s ≈ 24 km/h
Fluggeschwindigkeit auf dem Heimflug4,06 m/s ≈ 15 km/h
Beladen fliegen sie messbar langsamer. Wer eine Beutekugel heimträgt, ist mit rund 15 km/h unterwegs statt mit 24. Der Heimflug — und damit die Richtung zum Nest — ist an der Geschwindigkeit erkennbar.

6. Wärmebild — nur zur richtigen Stunde

Hornissen heizen ihr Nest. Es ist also wärmer als seine Umgebung und müsste in einer Wärmebildkamera aufleuchten. Eine Arbeit von 2020 hat geprüft, wann das tatsächlich gelingt [7].

Bester Zeitpunkt

Kurz vor Sonnenaufgang. Dann ist der Unterschied zwischen Nest und Umgebung am größten.

Größte Hürde

Laub. Blätter zwischen Nest und Kamera verdecken die Wärme fast vollständig.

Sichtweite

In Einzelfällen bis 30 Meter — je näher, desto sicherer. Warme Umgebungsluft verschlechtert das Ergebnis zusätzlich.

Ergebnis

Alle drei Testnester wurden erkannt — unter den passenden Bedingungen.

Praktisch heißt das: Wärmebild ist ein Verfahren für den frühen Morgen im Spätherbst, wenn die Bäume kahl und die Nächte kalt sind. An einem warmen Sommernachmittag im belaubten Wald hilft es kaum.

7. Wie weit fliegt sie? — die Zahl, die für den Bienenstand zählt

Drei Arbeiten haben das aus verschiedenen Richtungen gemessen — mit Funkchips am Tier [8], mit Radar [5] und mit Funksendern [3]. Sie ergeben ein stimmiges Bild.

üblicher Sammelradius um das Nestrund 1.000 m [8]
gemessener mittlerer Sammelradius395 ± 208 m [5]
größte per Funk verfolgte Nestentfernung1,33 km [3]
Heimfindefähigkeit nach Aussetzenbis 5.000 m [8]
Hauptflugzeit07:00 bis 20:00 Uhr [8]
typische Flugdauermeist unter einer Stunde [8]
Wer am Bienenstand Asiatische Hornissen sieht, hat das Nest nach diesen Messungen mit hoher Wahrscheinlichkeit im Umkreis von etwa einem Kilometer. Der 5-Kilometer-Wert beschreibt, wie weit ein künstlich weit weggebrachtes Tier noch heimfindet — nicht den Alltag.

8. Erkennung am Bienenstand — der andere Weg

Statt das Nest zu suchen, kann man auch dort messen, wo der Schaden entsteht: am eigenen Stand. Hier sind die Trefferquoten am höchsten.

VerfahrenTrefferquoteArbeit
Kamera mit Bilderkennung (VespAI)≥ 99 %[9]
Mikrofon, Erkennung des Schwebens98,7 %[2]
Klangvergleich Bienen gegen Hornissen85,3 %[10]
optischer Flügelschlagsensor74,5 %[1]

Die VespAI-Gruppe nennt den Grund für ihre Entwicklung offen: Meldungen aus der Bevölkerung sind zu ungenau, die Verwechslungsquote ist hoch [9]. Eine Kamera, die vor Ort selbst entscheidet und nur bei einem Treffer ein Bild schickt, umgeht dieses Problem.

9. Was aus alldem bleibt

  1. Eine einzelne Frequenz erkennt keine Asiatische Hornisse. Rund 100 Hertz — aber die heimische Hornisse liegt genau daneben. 41,7 Prozent Treffer mit dem Ton allein, 74,5 Prozent mit dem ganzen Klangbild.
  2. Das Schweben vor dem Flugloch ist das verlässliche Signal — 98,7 Prozent. Es ist ein Verhalten, kein Ton.
  3. Ein Richtmikrofon findet kein Nest. Tiefe Töne lassen sich nicht bündeln. Wer ortet, nimmt Funk oder Radar.
  4. Funksender: 0,28 Gramm, fünf Nester gefunden, bis 1,33 km.
  5. Radar: 75 Prozent Nestfundquote in neuen Befallsgebieten.
  6. Wärmebild: vor Sonnenaufgang, ohne Laub, unter 30 Meter.
  7. Das Nest steht meist im Umkreis von einem Kilometer.
  8. Beladene Tiere fliegen langsamer — 15 statt 24 km/h.

10. Quellen

Alle zehn Arbeiten sind über ihren DOI dauerhaft erreichbar; die meisten sind frei zugänglich. Wir geben die Ergebnisse wieder und verlinken das Original — die Volltexte liegen bei den jeweiligen Verlagen.

  1. Herrera C. et al. (2022): Automated detection of the yellow-legged hornet (Vespa velutina) using an optical sensor with machine learning. Pest Management Science. 10.1002/ps.7296
  2. Ratcliffe et al. (2025): Remote and automated detection of Asian hornets at an apiary, using spectral features of their hovering flight sounds. Computers and Electronics in Agriculture. 10.1016/j.compag.2025.110307
  3. Kennedy P. J. et al. (2018): Searching for nests of the invasive Asian hornet (Vespa velutina) using radio-telemetry. Communications Biology. 10.1038/s42003-018-0092-9
  4. Maggiora R. et al. (2019): An Innovative Harmonic Radar to Track Flying Insects: the Case of Vespa velutina. Scientific Reports. 10.1038/s41598-019-48511-8
  5. Rossi et al. (2021): Tracking the invasive hornet Vespa velutina in complex environments by means of a harmonic radar. Scientific Reports. 10.1038/s41598-021-91541-4
  6. Milanesio D. et al. (2016): Design of an harmonic radar for the tracking of the Asian yellow-legged hornet. Ecology and Evolution. 10.1002/ece3.2011
  7. Rossi et al. (2020): Viability of thermal imaging in detecting nests of the invasive hornet Vespa velutina. Insect Science. 10.1111/1744-7917.12760
  8. Poidatz J. et al. (2018): Activity rhythm and action range of workers of the invasive hornet Vespa velutina, measured by RFID tags. Ecology and Evolution. 10.1002/ece3.4182
  9. O'Shea-Wheller T. A. et al. (2024): VespAI: a deep learning-based system for the detection of invasive hornets. Communications Biology. 10.1038/s42003-024-05979-z
  10. Kawakita S. & Ichikawa K. (2019): Automated classification of bees and hornet using acoustic analysis of their flight sounds. Apidologie. 10.1007/s13592-018-0619-6
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